31. Mai 2025
«Der Albtraum war vorbei – wir haben es geschafft»
Eine denkwürdige Saison ging fürs Brühls erste Mannschaft vor einer Woche zu Ende. Ganz zum Schluss musste Brühl sogar noch um den Klassenerhalt zittern, in einer Liga, wo zwischen dem siebten und dem siebzehnten Platz – einem Abstiegsplatz – drei Punkte liegen. Im Interview nimmt Trainer Denis Sonderegger Stellung zur verrückten Saison 2024/25.
Schicksalsspiel gegen Delémont am letzten Spieltag. Wir wussten: Wenn wir unentschieden spielen, sind wir gerettet, wenn wir verlieren, steigen wir ab. Dann gab es tief in der Nachspielzeit beim Stand von 1:1 einen Penalty gegen uns. Was ging dir da durch den Kopf?
Völlig verrückt. Zuerst konnte ich es nicht glauben, dass es Penalty gibt – da es schlicht und einfach eine Fehlentscheidung war. Dann wurde mir bewusst: Okay, wir können es nicht ändern. Die genauen Resultate wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht und wollte ich in dem Moment auch nicht nachschauen. Dann dachte ich: Es darf doch jetzt nicht sein, dass wir in der letzten Sekunde der Meisterschaft das erste Mal unter den Strich geraten. Das ist nicht fair und das haben wir nicht verdient. Ich versuchte sofort, den Fokus wiederzufinden und die Jungs zu animieren, trotzdem daran zu glauben und nachzulaufen. Mir ging durch den Kopf: Wenn Calvin den Ball hält, wir aber aufgrund der völlig verrückten Situation in Schockstarre geraten und so dann ein Tor kassieren… Gehört hat mich wahrscheinlich eh keiner – und dann war es schon so weit, der Schütze lief an.
Um wie viele Jahre bist du da gealtert?
Die ganze Woche war ganz schlimm. Nach dem Spiel in Paradiso sind wir in der letzten Woche in akute Abstiegsgefahr geraten – das mussten wir zuerst verarbeiten. Man hat es allen angemerkt: Die ganze Woche war eine Nervosität bei allen Beteiligten zu spüren. Alle Spieler, das gesamte Vereinsumfeld – alle waren nervös. Dazu kam, dass alle Gegner viel mehr Selbstvertrauen hatten als wir. Wir kamen aus einer absoluten Negativserie, in jedem der letzten Spiele starteten wir gut, und mit der ersten Aktion des Gegners kassierten wir ein Tor. Das bekommst du nicht einfach so aus dem Kopf. Also: Viel geschlafen habe ich definitiv nicht in dieser Woche. Die ganze Energie versuchte ich in Positivität gegenüber den Jungs zu stecken und uns auf das Spiel vorzubereiten. Ein paar Jahre sind definitiv dazugekommen – zum Glück gehöre ich noch zur jüngeren Generation.
Torhüter Calvin Heim hielt den Penalty. Was ist dann mit dir passiert?
Emotionsexplosion. Samet umarmte mich und drückte mich zu Boden. In dem Moment, in dem ich wieder die Jungs zur Konzentration auffordern wollte – wegen des anstehenden Eckballs –, pfiff der Schiedsrichter ab, und es war vorbei. Und dann brachen alle Dämme – in mir und im gesamten Team. Der Albtraum war vorbei, und wir haben es geschafft.
Es war tabellentechnisch eine verrückte Saison. Zwischen dem siebten Platz – der zur Teilnahme am Cup berechtigt – und dem zweitletzten Platz liegen drei Punkte. Da war wohl vieles Zufall in dieser Saison…
Wir haben 40 Punkte geholt. Ausser in den beiden letzten Rekordsaisons mit über 50 Punkten ist uns das bisher erst zweimal in der Promotion League gelungen, ansonsten lagen wir immer unter 40 Punkten. So eng wie in dieser Saison war es aber noch nie. Baden ist mit 39 Punkten abgestiegen – das ist brutal hart. In keiner Liga der Welt steigst du mit diesem Punkteschnitt ab. Da sieht man einmal mehr, wie ausgeglichen die Promotion League ist. Es entscheidet immer die Tagesform – gegen jeden Gegner. Gegen den Aufsteiger Rapperswil-Jona haben wir ein Spiel gewonnen, gegen den Cupfinalisten Biel gab es eine knappe Niederlage und ein Unentschieden. Eigentlich wären wir für den Cup qualifiziert gewesen und hätten rein gar nichts mit dem Abstieg zu tun gehabt – wenn man bedenkt, dass uns drei Punkte von der Ersten Liga verwehrt wurden, weil das Komitee einen Fehler gemacht hat. Auch das passt zur Saison: Diese Geschichte ist undenkbar und völlig verrückt – aber leider wahr.
Dennoch: Brühl stieg mit einer personell starken Mannschaft in die Meisterschaft, hatte einen ebenfalls starken Einstieg in die Frühlingsrunde. Und dann gab es den totalen Einbruch: Ganze zwei Punkte gab es in den letzten acht Spielen, auch gegen Delémont spielten wir mit dem Rücken zur Wand. Was war da los?
Es wurde auch guter und erfolgreicher Fussball geboten, und wie du sagst: Bis zum Rapperswil-Spiel war es eine gute Saison. Dann kam der Einbruch in dieser englischen Woche. Im Winter wurde das Kader reduziert – auch aufgrund finanzieller Einsparungen. Das kann gut gehen, birgt aber auch Risiken. Gerade dann, wenn Verletzte und Gesperrte dazukommen. Wir müssten aber diese acht Spiele einzeln betrachten – jedes Spiel hatte seine eigene Geschichte.
Zu denken geben muss dem Trainer das Torverhältnis. Wir haben eigentlich gute Verteidiger, bekommen aber am meisten Tore – nämlich 72. Wie erklärst du dir das?
Absolut zu viele Gegentore. Das geht auf meine Kappe – ich bin dafür verantwortlich, und daran werden wir hart arbeiten müssen. Defensivarbeit beginnt ganz vorne und hört zuhinterst auf – das liegt nicht an einzelnen Positionen, sondern hat mehrere Gründe. Es ist nicht so, dass wir jedes Spiel extrem viele Torchancen zulassen. Aber die Tore fallen zu einfach und zu schnell.
Immer wieder zu reden gaben die vielen Verletzten bei Brühl – teilweise gab es auch Verletzungen im Training. Habt ihr zu hart trainiert?
Auch hier gibt es nicht einen Grund, sondern eine Kombination aus verschiedenen Aspekten. Leider haben wir drei Spieler, die mit Langzeitverletzungen zu kämpfen hatten. Das wiegt natürlich schwer bei unserem kleinen Kader – vor allem in der Rückrunde. Dann gab es immer wieder kleinere Verletzungen, die bei diesem Pensum von Arbeit und halbprofessionellem Fussball kaum zu vermeiden sind. Unsere medizinische Betreuung ist top und auf Challenge-League-Niveau. Wir werden definitiv analysieren und verbessern, was wir verbessern können.
Kritiker von aussen sagen, das Mittelfeld war zu langsam, zu alt. Was sagst du dazu?
Das ist mir zu einfach. Alt oder jung spielt keine Rolle. Konkret sprechen wir ja von Claudio und André – beide haben jetzt ihren Rücktritt gegeben. Beide haben Ausserordentliches für unseren Klub geleistet, und ich werde sie sehr vermissen. Wir haben Top-Spiele gezeigt, genau mit diesem Mittelfeld. Aber auch Spiele, die nicht gut waren. Es gab Situationen, in denen uns die Dynamik im Mittelfeld gefehlt hat – definitiv. Aber auch genauso viele Spiele, in denen wir im Mittelfeld dominant und besser waren als unsere Gegner – das darf man auch erwähnen. Nochmals: Wir haben 40 Punkte geholt – drei mehr, und wir wären zum dritten Mal hintereinander für den Schweizer Cup qualifiziert gewesen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Eine Verjüngung des Teams wird wohl Thema sein in diesem Sommer, zumal es auch altersbedingte Abgänge gibt. Warum nicht ein verstärktes U-21-Team mit ein paar eigenen Junioren? Das gäbe mehr Gelder aus der U-21-Trophy und die eingefleischten Brühler wären happy…
Wenn die beiden ältesten Spieler den Rücktritt geben, ist es eine einfache Rechnung, dass das Team jünger wird. Vier von fünf U-21-Teams waren die ganze Saison in akuter Abstiegsgefahr und unter den letzten sechs Teams in der Schlussrangliste – dies notabene mit den besten Spielern aus der ganzen Region, Trainingsbedingungen auf Profi-Niveau und unterstützt von Akteuren der ersten Mannschaft. Wir hatten diese Saison mit Jorge Rans, Giosuè Capozzi, Samet Cicek, Jonathan de Freitas, Jannis Link und Leart Zeqiri sechs Spieler, die im U-21-Alter sind und teilweise auch Stammspieler waren. Leider wurden uns nicht alle angerechnet – auch hier wissen wir leider nicht, warum, und es kam trotz mehrmaligem Nachhaken bei der Liga keine klare Antwort. Aufgrund der teilweise sehr angespannten personellen Situation während der Saison kam es zu einigen Einsätzen von Brühler Junioren. Wir dürfen aber nicht vergessen: Unsere zweite Mannschaft spielt vier Ligen tiefer – dieser Sprung ist gewaltig. Ob und wen wir für die neue Saison vom eigenen Nachwuchs in die erste Mannschaft integrieren können, sind wir aktuell am Besprechen.
…kommt dazu, dass das Budget ja wohl eher enger wird.
Mit Delémont und Baden sind zwei Teams mit einem höheren Budget als wir abgestiegen – das sagt, glaube ich, schon alles aus. Wie du anfangs des Interviews erwähnt hast: Diese Liga ist verrückt, und der gesamte Verein leistet Grossartiges. Er stellt jedes Jahr ein schlagkräftiges Team zusammen, das um viele Punkte kämpft. Schätzen wir das.
Wie siehst du deine eigene Zukunft? Gab es Anfragen von aussen? Wie stehen die Verhandlungen mit Brühl?
Es gab Anfragen, ja. Aber ich fühle mich wohl bei Brühl, und wir haben noch einiges vor. Unser Weg ist noch nicht zu Ende. Dieses Saisonfinale hat uns viel gekostet – aber gleichzeitig auch viel Energie geschenkt. Das gibt uns Kraft für die kommenden Aufgaben. Wir befinden uns in guten Gesprächen, planen aktuell die neue Saison und können hoffentlich schon bald kommunizieren. Ich würde mich auf jeden Fall riesig freuen.
Bei allem kritischen Nachfragen möchte ich es nicht versäumen, dir zu gratulieren. Ihr habt in einer immer stärkeren Liga (mit Biel im Cupfinal) den Klassenerhalt geschafft. Und ihr habt den Brühler Fans buchstäblich bis zur letzten Sekunde Spannung pur geliefert.
Interview: Felix Mätzler (das Interview wurde schriftlich geführt)