10. August 2026

Unser Dach macht Krafttraining

Wir haben ein kompliziertes Verhältnis zu Dächern. Es begann irgendwann in den letzten Jahren, als in unseren Wohnzimmern Solarberater mit 43-seitigen Präsentationen auftauchten und erklärten, die Ziegel seien «grundsätzlich geeignet, aber». Das «aber» dauerte dann jeweils eine Dreiviertelstunde. Seither wissen wir: Ein Dach ist nie einfach ein Dach. Ein Dach ist ein Versprechen mit Traglastreserve.

Am Grillabend im Quartier ist die Photovoltaik ohnehin längst das neue Wetter. Früher sprach man über den Nachbarshund, heute über Kilowattpeak. Es gibt in unseren Reihen Männer, die den Eigenverbrauchsanteil ihrer Anlage auswendig wissen, aber den Hochzeitstag googeln müssen. Wir urteilen nicht. Wir gehören dazu.

Und so standen wir neulich vor dem Paul-Grüninger-Stadion und schauten den Gerüstbauern an der Haupttribüne zu. Falls es noch nicht bis zu euch durchgedrungen ist: Unser Tribünendach wird saniert. Die Statik wird ertüchtigt, damit dort später eine Photovoltaikanlage montiert werden kann. Unser Dach absolviert sozusagen sein eigenes Krafttraining, bevor es in die erste Mannschaft der Energieproduzenten aufsteigt. Bis Anfang September bleibt die Haupttribüne deshalb gesperrt.

Die Gerüstbauer, das muss man gesehen haben, arbeiten mit einer Selbstverständlichkeit in luftiger Höhe, bei der unsereins schon auf der dritten Leitersprosse innerlich sein Testament diktiert. Einer trug seine Rohre über der Schulter wie andere Leute eine Badetuchrolle an den Bodensee. Wir mochten sie sofort. Wer je versucht hat, zu Hause auch nur eine Dachrinne zu reinigen, weiss: Diese Menschen sind unterschätzte Helden des Alltags.

Für unsere Tribünen-Stammgäste bedeutet die Sperrung freilich eine kleine Völkerwanderung. Der Stammplatz ist ja kein Sitz, der Stammplatz ist eine Weltanschauung. Manche von uns sitzen seit Jahren auf demselben Fleck, kennen jede Unebenheit persönlich und haben den Blickwinkel auf den Sechzehner so präzise einjustiert wie andere ihr Fernrohr auf den Säntis. Nun heisst es für ein paar Wochen: umziehen, neu orientieren, das Spiel einmal von einer anderen Seite sehen. Man munkelt, das erweitere den Horizont. Wir werden berichten.

Und dann, irgendwann, wenn das Gerüst wieder weg ist, sitzen wir zurück auf unseren angestammten Plätzen — unter einem Dach, das nicht mehr nur vor Regen schützt, sondern eines Tages Sonne erntet, während unten die Kronen um Punkte kämpfen. Oben Energie, unten Energie. Mehr kann man von einer Tribüne ehrlicherweise nicht verlangen.

Bis Anfang September also bitte den Anweisungen folgen, die Haupttribüne den Fachleuten überlassen und das Spiel ausnahmsweise von woanders geniessen. Der Fussball bleibt derselbe. Nur die Perspektive ist neu. Und einem Wiedersehen auf dem Stammplatz — frisch überdacht im besten Wortsinn — steht ab September nichts im Wege.